Tantra ist eine der vielen Ausprägungen des Hinduismus und leitet sich von „tan“ (Sanskrit: „ausdehnen“) ab. Dies bezieht sich auf die Ausbreitung bzw. Ausdehnung eines allumfassenden Wissens, das mithilfe des Tantras erreicht werden soll.
Eine zentrale Bedeutung im Tantra haben diverse Texte, welche die wichtigsten Regeln, Übungen und Anleitungen enthalten. Diese sind als Dialog zwischen Shiva und Parvati verfasst, die im Hinduismus als Symbol für das Göttliche angesehen werden und das männliche bzw. das weibliche Prinzip repräsentieren. Darüber hinaus spielt die göttliche Mutter Shakti eine wichtige Rolle im Tantra, welche als Ausdruck für die Schöpfungskraft gesehen wird.
Diese Kraft soll in Form der Kundalini-Energie in jedem Menschen schlummern und durch verschiedene Übungen erweckt werden können. Die Energie bewegt sich hierbei vom Becken aus an der Wirbelsäule entlang, wobei sie verschiedene Energiezentren, die so genannten Chakras, passiert. Werden diese Zentren von der Kundalini-Energie durchflutet, werden sie aktiviert, wodurch der Mensch der Erleuchtung einen Schritt näher kommt. Erreicht die Kundalini-Energie das oberste Chakra, das sich im Bereich des Scheitels befindet, soll es zur Verbindung mit dem Göttlichen kommen.
Dieser Prozess soll durch bestimmte Techniken und Regeln zur Lebensführung eingeleitet und gefördert werden. Besonders meditative Techniken wie Yoga oder das Praktizieren von Mantras, den überlieferten heiligen Wortklängen, sind hier von besonderer Bedeutung. Aber auch Bewegungsübungen und allgemeine Vorgaben zum sozialen Miteinander sind ein bedeutender Bestandteil des Tantras.
In Europa ist Tantra vor allem durch das exzessive Ausleben von Sexualität bekannt geworden. Obwohl dies im ursprünglichen Tantra keine nennenswerte Rolle spielt und die Fixierung auf sexuelle Praktiken nur im so genannten Vamacara, einer von vielen Ausprägungen des Tantras, existiert, hat sich die Verbindung von Sex und Tantra in den Köpfen der Europäer fest verankert.
Das Ergebnis ist das so genannte Neotantra, welches Spiritualität und Sexualität miteinander verbindet und in Deutschland über Tantra-Schulen verbreitet wird. Tantra wird hier zumeist als eine Form von Therapie angeboten, wobei teilweise esoterische Weltanschauungen, Techniken aus der Köpertherapie und die Ausführung sexueller Handlungen kombiniert werden. Die Techniken werden z. B. zur Paartherapie, zum Stressabbau oder zur spirituellen Weiterentwicklung angewendet.
Literatur: Kalashatra Govinda: Tantra. Geheimnisse östlicher Liebeskunst. Südwest Verlag, 2007