Die Asexualität ist eine sexuelle Orientierung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass keinerlei Bedürfnis nach sexueller Interaktion besteht. Dieser Zustand hat also nichts mit dem freiwilligen Verzicht auf Sexualität zu tun, wie er in vielen Religionen praktiziert wird, sondern basiert auf dem völligen Fehlen des Sexualtriebes.
Diese Form der Sexualität ist noch weitgehend unerforscht. Der erste Fachartikel, der sich dem Thema widmete, erschien im Jahr 1977. In ihm wurde zum ersten Mal das Phänomen der Asexualität beschrieben und die Probleme, die mit diesem Zustand einhergehen, wurden ins Licht der Öffentlichkeit gerückt: Bei vielen Betroffenen kam es z. B. zu sozialer Isolation oder Depressionen, da die eigene sexuelle Orientierung als unnormal erlebt wurde und somit eine Integration in die Gesellschaft mit den in ihr vorherrschenden Normen als unmöglich empfunden wurde. In der westlichen Gesellschaft herrschte die Meinung vor, dass jede Person, die einen asexuellen Lebensstil pflegte, ihren Sexualtrieb bewusst unterdrückte und dies zumeist aus religiösen oder politischen Gründen. Der Artikel zeigte dann erstmals, dass ein kleiner Prozentsatz von Menschen existierte, die über keinen signifikanten Geschlechtstrieb verfügten und dies aus Angst vor Verurteilung verheimlichte.
Die erste große wissenschaftliche Studie zum Thema stammt aus Großbritannien (1994). Hier wurde eine große Umfrage zur sexuellen Orientierung der Bevölkerung durchgeführt, wobei zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit der Asexualität in einer Studie berücksichtigt wurde. Bei der Auswertung stellte man fest, dass ca. 1 % der britischen Bevölkerung sich selbst als asexuell betrachtete (1).
Obwohl die Existenz von Asexualität in der Wissenschaft heutzutage als gesichert gilt, herrscht immer noch große Unklarheit über die Ursachen. Diskutiert werden derzeit z. B. verschiedene Arten von hormonellen Störungen, die zu einem starken Absinken der für den Geschlechtstrieb relevanten Hormone sorgen. Auch sexueller Missbrauch in der Kindheit oder andere psychische Störungen wie Schizophrenie werden von manchen Forschern als Ursache betrachtet. So ist z. B. bekannt, dass Depressionen einen vorübergehenden Verlust der Libido verursachen können.
Verschiedene Interessenvereine, wie z.B. das Asexual Visibility and Education Network, wehren sich jedoch dagegen, ihren Zustand als krankhafte Störung zu definieren. Für Sie stellt die Asexualität lediglich eine Form der sexuellen Orientierung dar, ähnlich wie die Hetero- oder die Homosexualität.
(1) Wellings, K. (1994): Sexual Behaviour in Britain: The National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles