Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179. Sie war Benediktinerin und seit 1136 Äbtissin im Kloster Rupertsberg bei Bingen. Die mittelalterliche Medizin und damit auch die Natur- und Heilkunde Hildegards von Bingen war geprägt vom Geist der Heiligen Schrift und der Benediktusregel. Sie hat ein Bild des gesunden und ein Bild des kranken Menschen gezeichnet sowie konkrete Wege zu einer vernünftigen Lebensordnung und Lebensführung aufgezeigt. Ihr Leitbild waren Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit.
Hildegards naturkundliche und medizinische Schriften sind Kompilationen volkskundlicher Erfahrung, antiker Überlieferung und benediktinischer Tradition. Sie entwickelte eigene Ansichten über die Entstehung von Krankheiten, Körperlichkeit und Sexualität.
Eigene Heilmethoden brachte sie nicht hervor, vielmehr trug sie bereits bekannte Behandlungsmethoden aus verschiedenen Quellen zusammen.
Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist der Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlicher Sichtweise. Sie ist davon geprägt, dass Heil und Heilung des kranken Menschen von der Hinwendung zum Glauben ausgeht, der allein gute Werke und eine maßvolle Lebensordnung hervorbringt. Ihr theologisches Weltbild fußt auf engen Seinzusammenhängen: Menschen, Tiere und Pflanzen gehen aus der Schöpfung Gottes hervor, alles ist eingefügt in den großen Heilsplan Gottes.
Als Gegenstände der Medizin verweist Hildegard auf die Naturkunde, auf die Krankheitslehre und auf die Lebenskunde. In strenger Rangordnung ließ sie die Verordnung folgender „pharmaka“ zu: die Chirurgie mit Schröpfen und Aderlass ganz zuletzt, davor der Arzneimittelschatz, zu Beginn aber und ganz grundsätzlich die alle Therapie begründende und begleitende Diätetik. Eine feste Lebensregel im Alltag, eine ausgewogene Lebensordnung gehörte für Hildegard zum vernünftigen Lebensstil dazu. In ihrer Heilkunde geht es daher weniger um eine therapeutische Korrektur, als um die Hinwendung zu sinnvoller und maßvoller Lebensführung, denn diese sei dem Menschen ganz natürlich.
Als wesentliche Heilmittel betrachtete Hildegard auch Heilkräfte in Worten und in der Musik. Vor allem aber ist es die persönliche Zuwendung zum Kranken, in der Hildegard wichtige Heilkräfte erspürte. Sie stand für den Einklang von Heilkunde, Menschlichkeit und Barmherzigkeit – das Leitbild für alles ärztliche Tun schlechthin. Hinwendung zum Anderen und Mitleid mit den Kranken verkörpert die Mitmenschlichkeit, die zum Heile dient – das war das Leitbild Hildegards von Bingen.